Der irische Zechengründer Thomas Mulvany benannte die Zeche nach seiner Heimat, deren lateinische Bezeichnung
Hibernia lautet. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts fand der Übergang zu Tiefbauzechen statt, die den stark wasserführenden Mergel
durchteufen mussten, der nördlich der Ruhr das kohleführende Karbon überdeckt. Das nötige Kapital kam oft aus den früh industrialisierten
Montanregionen Englands, wo auch viele Iren tätig waren. Die spätere gleichnamige Zechengesellschaft betrieb im nördlichen Ruhrgebiet
mehrere Zechen.
Schürfscheine waren schon 1846 ausgestellt worden. Es fehlte neben dem Kapital auch die nötige Abteuftechnik. Beides brachte Mulvany
mit, der 1854 das Grubenfeld kaufte und im folgenden Jahr mit dem Abteufen begann. Dabei wurden zum ersten mal in Deutschland
Gusseisentübbings eingesetzt. Damit gelang das Abteufen der beiden
Schächte ohne die sonst auftretenden Wassereinbrüche. Dieses Verfahren etablierte sich und wurde um 1910 vom Gefrierverfahren abgelöst,
bei dem der instabile Bereich der wasserführenden Schichten vereist wird und damit wie festes Gestein behandelt werden kann.
Die Zeche entwickelte sich gut. 1860 wurde die Seilfahrt erlaubt (eine der ersten Zechen im Ruhrrevier). Das nahe gelegene Dorf
Gelsenkirchen wuchs schnell zur einer Industriegemeinde (1855 1030 Einwohner, 1900 36000). Durch die Lage am Rand der sich schnell
entwickelnden Innenstadt war der Kohleabbau später stark eingeschränkt, um Bergschäden zu vermeiden. Die Stilllegung 1925 hängt
damit zusammen, da die noch anstehenden Vorräte damals nicht wirtschaftlich abgebaut werden konnten. Bis 1927 lief ein bescheidener
Restbetrieb. Es wurde noch knapp 2000 t Deputatkohlen abgebaut. Von 1928
bis 1943 war die Zeche an die Versuchsgrubengesellschaft mbH verpachtet. Es wurden neue Abbautechniken getestet und Versuche zur
Sicherheitstechnik durchgeführt. In dieser Zeit wurden 4000 - 6000 t/a für Eigenverbrauch und Deputate abgebaut, maximal 9028 t 1940.
Teile des Grubenfelds wurden ab 1941 an Nachbarzechen verpachtet. Schacht 1 übernahm Dahlbusch, Schacht 3 Consolidation.
Sie blieben für die Bewetterung offen. So konnten die noch vorhandenen Kohlenvorräte abgebaut werden, die nicht unter der dicht
bebauten Gelsenkirchener Innenstadt lagen.
Wohl war das Abteufen ohne Schwierigkeiten gelungen, Unglücke blieben aber nicht aus. 1872 unterbrachen die Folgen eines Grubenbrands die
Förderung monatelang. Verhehrende Schlagwetterexplosionen forderten 1887 52 Tote, 1891 57 und 1894 noch einmal drei.
Schacht | Teufbeginn | Inbetriebnahme | Stilllegung | max. Teufe (m) | Kokerei |
1 | 1855 | 1858 | 1961 | 911 | 1891 - 1910 |
2 | 1857 | 1861 | 1925 | 710 | |
3 | 1891 | 1894 | 1964 | 710 |
maximale Förderung 493072 t 1884
durchschnittlich 250000 - 330000 t/a
Die Geschichte von Hibernia ist auch die des irischen Industriepioniers Mulvany. Er arbeitete für den
englischen Staat als Ingenieur für Binnenschifffahrt und Entwässerung. Bis 1846 hatte er es zum Royal Commissioner gebracht,
einem der höchsten Ämter im Staat. Der Regierungswechsel 1842 führte zu einer noch stärkeren Diskriminierung der katholischen
Iren als zuvor. Die fehlende Unterstützung bei der Hungersnot 1846 war mit ausschlaggebend für Mulvanys weiterer Lebensplanung.
Mit 46 Jahren schied er aus dem Staatsdienst aus und ging mit seiner Familie nach Westfalen auf Wunsch eines befreundeten
Landsmanns. Damit begann eine einzigartige Entwicklung nicht nur in Gelsenkirchen. Da die Fachleute vor Ort nicht existierten
warb er erfahrene Bergleute in England an. Dazu gehörten der Ingenieur Coulson ("der" Tübbingexperte) und William Patterson als
Schachtsteiger. Sein Sohn war der letzte Überlebende der Einwanderer aus der Gründerzeit beim 80jährigen Jubiläum der Zeche
im Jahr 1936. Symbolträchtig ist auch das Datum, der 17. März. Es ist der "St. Patricks Day" (irischer Nationalfeiertag).
Viele der angeworbenen Iren und Engländer brachten ihre Familien mit. Die Kinder wurden in einer Schule auf dem Zechengelände
unterrichtet. Sie heirateten Deutsche und waren schnell integriert. Trotzdem kam es zu Repressalien im 1. Weltkrieg. Auch
wenn die meisten der Nachkommen trotz ihrer Familiennamen kein Englisch konnten zählte die Herkunft. Wer nicht nach Ruhleben
in der Nähe von Berlin interniert wurde musste sich zweimal täglich bei der Polizei melden. Alle anderen im Umkreis von 40 km
um Essen herum (wohl wegen der Rüstungsbetriebe bei Krupp) waren gezwungen sich ausserhalb eine neue Beschäftigung zu suchen.
Die Umsetzung eines Plans, den Mulvany anstieß erlebte er nicht mehr. Er machte schon 1877 Vorschläge für ein Kanalnetz in
Nord- und Mitteldeutschland, wobei er auf seine berufliche Erfahrung zurückgreifen konnte.